Interview mit Jerszy Seymour | Magazin

18.06.2013, 10:48

Interview mit Jerszy Seymour

Der in Berlin lebende Designer Jerszy Seymour verbindet in seinen Projekten, die irgendwo zwischen Kunst und Design verortet sind, eine gute Portion Humor mit politischen, kulturellen und sozialen Fragestellungen unserer Zeit. Wir trafen ihn in seinem Design Workshop unweit der S-Bahnhaltestelle Wedding und sprachen über seine Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit kleinen und großen Unternehmen, wie er seine Arbeitsweise versteht und warum Nachhaltigkeit nur einen Teil des Gesamtproblems abbildet.

GPA: Du bist Kursdirektor in der Sandberg Universität, die zur Gerrit Rietveld Akademie in Amsterdam gehört. Außerdem lehrst Du bzw.  gibst Du Workshops an verschiedenen Universitäten in ganz Europa. Über welche Designthemen sprichst Du?

Jerszy Seymour: Ich spreche nicht über Design. Ich verstehe mich auch nicht als Lehrer. Ich schaffe nur einen Kontext, etwa wie man ein Programm aufsetzt, wen man einlädt und wer dort Vorträge hält. Das ist alles. Ich schreibe aber niemandem vor, wie er gestalten soll. Es geht mir nur darum, einen Raum zur Verfügung zu stellen – die Wände, den Boden und noch ein paar andere Parameter. Am Ende sind dort Menschen, die über verschiedene Dinge sprechen. Und was passiert, ist vielleicht ein Designprojekt, wenn man es so sehen will.

Wenn ich aber über Design spreche, dann in dem Zusammenhang wie wir die Erde bewohnen, welche Beziehung wir zur gebauten Welt, zur Natur und zu uns selber herstellen. Das ist für mich Design.

Darum geht es also hauptsächlich in deinen Arbeiten?

In meinen Arbeiten versuche ich einen Diskussionsrahmen zu schaffen. Am Ende geht es natürlich um grundsätzliche philosophische und existentielle Fragen, die hoffentlich nicht jeder so sieht wie ich, denn der Diskurs ist ja der Sinn des Ganzen. Aber wir müssen darüber nachdenken und uns im Klaren sein, welche Entscheidungen wir tagtäglich treffen und welche Auswirkungen sie haben. Das Themenfeld Design kann hier viele Antworten geben. Und vielleicht werden wir nicht die Welt retten, aber wir sollten zumindest Spaß haben, damit umzugehen. Ich sage nicht einmal “versuchen”. (Lacht)

In der Ausstellung “The Universe Wants to Play” die gerade in der Crone Galerie in Berlin gezeigt wird, zeige ich Objekte, die keine offensichtlich praktische Funktion haben. Die Installation im oberen Stockwerk ist eine Art Gehirnlabor – halb Höhle, halb Raumschiff. Ein gedankliches Experiment über die Bewohnbarkeit der Erde, aber hauptsächlich unseres Geistes. Wenn wir nicht in der Lage sind unseren Geist zu bewohnen, wie sollen wir dann die Welt bewohnen?

Lädst Du potentielle Partner zu Deinen Ausstellungen ein, damit sie Dein Gedanken-Universum kennenlernen und um gemeinsame Projekte anzuregen?

Teilweise ja. Wir arbeiten beispielsweise gerade an einem Projekt mit Alessi. Sie sind sehr an Meta-Projekten interessiert, die sich vom reinen Produktdesign unterscheiden. Aber das ist sehr selten bei Herstellern. Ich habe auch solche Projekte mit Vitra gemacht, wo es eher um eine konzeptionelle Arbeitsweise ging.

Das Projekt mit Alessi ist ein Kochbuch, das eine Menge ungewöhnlicher Rezepte bereithält. Ein Thema des Buches heißt „Cooking for a New World Industry“. Ich hatte mit Alberto Alessi zusammengesessen und über die Zukunftsaussichten seines Unternehmens gesprochen. Alessi muss mehr und mehr Produkte auf den Markt bringen, damit ein Wachstum von 5% jährlich generiert wird. Da ist dieses hungrige Monster von 400 Angestellten, dass gefüttert werden muss. Und über allen anderen Themen haben diese 400 Menschen natürlich erste Priorität. Ich schlug ihm vor, dass Alessi eine Filmproduktionsfirma werden könnte. (Lacht)  Und ein anderes Rezept heißt „The End oft he World is a Possibility“. Vielleicht ist es besser mit einem großen Knall aus der Welt zu gehen. (Lacht)

Ich habe versucht, konzeptionelle Projekte auch mit größeren Unternehmen wie Moulinex und Tefal zu entwickeln. Die Idee war dabei die Gewerkschaft einzubeziehen, aber das hat zu einigen Schwierigkeiten geführt. Der einzige Gewerkschaftler, den ich getroffen habe, war mehr in Sorge, ob seine Kaffeepause auch lang genug sein würde.

Wie sind deine Erfahrungen als Industriedesigner?

Es gibt die kleineren Familienunternehmen wie Alessi, Vitra oder Magis. Es macht Spaß mit ihnen zu arbeiten, denn man spricht direkt mit den Besitzern. Gleichzeitig ist diese Arbeitsweise nicht repräsentativ: Magis hat 40 Mitarbeiter, Vitra ist vielleicht eine der größeren Firmen mit 1000 Leuten  – aber es ist auch keine wirklich große Firma.

Wenn wir uns ernsthaft unterhalten, müssen wir uns über Unternehmen mit 20, 30 oder 40.000 Angestellten unterhalten. Firmen, die zu groß sind, um zu scheitern. Mit Moulinex und Tefal zu arbeiten war natürlich gerade deshalb sehr interessant, aber eben auch schrecklich.

Was ist der Unterschied?

Das Wichtigste ist, dass Designer verstehen wie Produktion und Konsum zusammenhängen. Es ist eine sehr präzise Sache. Wenn man für eine große Firma arbeitet, muss man wissen, dass die Produktionskosten für einen Haartrockner beispielsweise exakt 1,2305 Euro betragen müssen. Und wenn man etwas ändert, ändert es alles.

Das sind die aktuellen Themen, mit denen wir heute umgehen müssen. Politiker haben keine Ahnung davon. Sie sprechen darüber, aber was es wirklich bedeutet wissen sie nicht. Es ist nicht Teil ihrer Ausbildung. Es ist etwas, womit sich Design jeden Tag auseinandersetzt. Aber man ist auch auf das Verständnis der Unternehmen angewiesen. Und im besten Fall arbeitet man mit Firmen wie Vitra oder Magis und führt einen Dialog mit offenen, intelligenten Persönlichkeiten. Das Schlimmste ist der CEO einer Firma, in der alle Entscheider einen Marketingbackground haben. Wenn man sich vorstellt, wie wichtig ihre Jobs sind und wie schlecht sie ausgebildet sind – natürlich nicht um Geld zu verdienen, sie sind darin kurzfristig gesehen sicher sehr gut.

Das heißt, die Erde leidet an unwissenden Menschen in wichtigen Positionen?

Wenn wir jetzt an den Punkt kommen, woran die Erde leidet, dann ist es wohl eher die menschliche Verfassung. (Lacht)

Es geht ja nicht darum, wie wir die Erde erhalten können. Betrachtet man etwa das englische Wort „sustainability“, hier geht es doch eher darum, Dinge beizubehalten wie sie sind. Aber es geht nicht um die Künstlichkeit der Erde, sie ist ja bereits künstlich. Sie besteht aus Pflanzen, die in einer vom Menschen kontrollierten Umgebung wachsen. Vielleicht sollten wir viel artifizieller Denken.

Wir haben ein Bevölkerungsproblem, wir haben komplexe moralische und ethische Themen, die anstehen und da gibt es noch viele andere Themen, denen man sich annehmen muss. Also was retten wir zuerst? Welche Rechte und Freiheiten opfern wir als erstes? Und wie? Diese ganzen Probleme spielen zusammen.

Nachhaltigkeit ist zum Teil sehr weit vom eigentlichen Problem entfernt. Und das ist, wie man mit dem Kreislauf von Produktion und Konsum umgeht, mit politischen und sozialen Strukturen. Am Ende sind die Regierungen gefordert, zu bestimmen, was und wie wir damit umgehen.

Aber vielleicht werden gerade durch die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit neue Perspektiven geschaffen im Produktions- und Konsumkreislauf.

Seit den 1980er und 1990er Jahren stehen die Menschen in der Kritik, dass sie ihre Erfüllung im Konsumieren finden. Und natürlich gibt es viele Leute, die zu viel konsumieren. Aber das Gesamtprojekt ist viel komplizierter. Jetzt, wo wir realisieren, dass Konsum mit Produktion und Produktion mit Arbeitnehmern und ihren Familien zusammenhängen. Es ist ein ökonomisches Gesamtsystem, das man nicht einfach anhalten kann.

Nachhaltigkeit ist nur ein kleiner Teil dessen, womit wir uns auseinandersetzen müssen. Viel grundsätzlicher geht es darum, wie wir leben und sterben wollen und welche Lebensqualität wir haben. Das sind die wichtigsten grundsätzlichen Themen – und damit sollte man beginnen. Deshalb ist Anarchie noch immer ein Eckstein für die maximale Freiheit des Menschen. Wenn wir nicht anfangen darüber nachzudenken, wie wir leben, sterben, schmecken und alles andere wollen, werden wir nicht zum Punkt kommen.

(Das Interview wurde geführt von May-Britt Frank und Nils Bader von white lobster.)

Einreichung zum Award 2018.

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